ANALYSE
Thierno Barry hat bei Everton einige schwierige Momente durchlebt. Doch seit der Stürmer offen über seine Probleme gesprochen hat, begegnen ihm die Fans mit mehr Verständnis und Mitgefühl. Adam Bate hat mit seinem Individualtrainer gesprochen, um mehr über einen Spieler zu erfahren, der versucht, seiner Geschichte eine neue Wendung zu geben …
Thierno Barry hat bei Everton Höhen und Tiefen erlebt. Doch niemand sollte seinen Einsatzwillen infrage stellen, während er alles daransetzt, den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu machen.
Vielleicht haben Sie das Video gesehen, in dem Thierno Barry nach einer individuellen Trainingseinheit in der vergangenen Saison in Tränen ausbricht. Der Stürmer von Everton absolvierte eine zusätzliche Einheit mit seinem persönlichen Trainer, als ihn seine Emotionen überwältigten. Er hatte mit seiner Form zu kämpfen und das Gefühl, sich nicht einfach durch noch mehr Training aus dieser schwierigen Phase befreien zu können.
Manchmal entsteht der Eindruck, dass jeder Profifußballer seinen Traum lebt. Doch wenn es nicht läuft und die ganze Welt zusieht, kann sich dieser Traum schnell wie ein Albtraum anfühlen.„Das waren echte Emotionen“, erzählt Scott Chickelday gegenüber Sky Sports. „Das waren Tränen, die von Herzen kamen.“Chickelday ist der Trainer, der Barry an jenem Tag durch die Einheit begleitete und versuchte, ihn dazu zu bewegen, weiterzumachen.
„Als ich ihn kennenlernte, lag er am Boden. Und genau das zeigt dieses Video natürlich auch“, sagt er.
Barrys Debütsaison
Thierno Barry kam in der vergangenen Saison nach seinem Wechsel vom FC Villarreal in allen 38 Premier-League-Spielen für Everton zum Einsatz. 21-mal stand er in der Startelf, 17-mal wurde er eingewechselt. Dabei erzielte er acht Tore.Dass Barry sich dazu entschlossen hat, die Aufnahmen öffentlich zu teilen, ist bereits ein Zeichen dafür, dass es ihm inzwischen besser geht. Dennoch dürfte es Stimmen geben, die argumentieren, dass es in einer derart hart umkämpften Branche riskant sein kann, seine Verletzlichkeit zu zeigen.
„Das hätte für ihn in beide Richtungen ausgehen können“, räumt Chickelday ein.Doch die Reaktionen waren überwiegend positiv und von Unterstützung geprägt.
„Wenn ein Spieler schlecht spielt, wird ihm schnell unterstellt, dass er einfach nur sein Geld kassiert und ihm alles andere egal ist. Viele Everton-Fans haben sich dieses Video angesehen und gedacht: ‚Wisst ihr was? Er gibt sich tatsächlich verdammt viel Mühe. Es ist ihm wirklich nicht egal.‘“
Allein die Tatsache, dass Barry von sich aus den Kontakt zu Chickelday gesucht hat, sagt viel über seinen Ehrgeiz aus. Er tut alles, um erfolgreich zu sein. Vielleicht zahlt sich dieser Einsatz inzwischen aus.
„Er hat eine intensive Vorbereitung hinter sich und sich zusätzliche Trainingsblöcke auferlegt, um fitter zu werden und mental stärker zu sein.“
Das Ergebnis? „Er ist mental gestärkt zurückgekommen.“
Barry traf am ersten Spieltag beim Sieg von Everton gegen Crystal Palace. Im Pokalspiel gegen Preston gelang ihm ein Hattrick. Zuletzt erzielte er gegen Ipswich das Tor, das sich letztlich als Siegtreffer herausstellen sollte.
„Wir haben an seinem Torabschluss gearbeitet, und er ist in überragender Form zurückgekommen“, sagt Chickelday, der Barry als einen der nettesten Menschen bezeichnet, denen er je begegnet ist.
„Für ihn war es eine Achterbahnfahrt. Erst wurde er von den eigenen Fans ausgepfiffen, dann wie ein Held gefeiert. All diese Höhen und Tiefen.“Er ergänzt: „Außerdem hat er ein kleines Baby, also war bei ihm auch abseits des Platzes einiges los. Ich weiß, dass die Fans diesen Teil seines Lebens nicht unbedingt berücksichtigen, denn sie sehen nur, was er samstags auf dem Platz leistet. Dabei musste er sich an eine Liga gewöhnen, die wahrscheinlich zu den härtesten der Welt gehört.“
Barrys bisherige Karriere muss sich für ihn wie ein einziger Wirbelwind angefühlt haben. Auf eine Saison in der Reservemannschaft von Sochaux folgte jeweils ein Jahr in Belgien, der Schweiz, Spanien und England. Inzwischen spielt er bereits länger für die erste Mannschaft von Everton als für jedes andere Team zuvor.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Gunter Vandebroeck, seinem Trainer beim belgischen Verein Beveren, das ich vor Barrys Wechsel in die Premier League geführt hatte. Damals beschrieb er ihn als einen Spieler, der „hungrig und entschlossen“ sei, aber noch viel lernen müsse.„Taktisch hatte er sich noch erheblich zu verbessern“, sagte Vandebroeck.
Und auch heute ist Barry gerade einmal 23 Jahre alt.
Daher macht sich niemand etwas vor – Barry selbst eingeschlossen: Er ist noch lange kein fertiger Spieler.
„Er braucht Wiederholungen, und das weiß er auch“, sagt Chickelday. „Aber er will sich verbessern. Er hat nach wie vor das Gefühl, dass er noch sehr viel beweisen muss. Es hat einfach etwas länger gedauert, bis er sich zurechtgefunden hat.“ Das zusätzliche Training mit Chickelday orientiert sich an dem Stürmertyp, zu dem Barry in einer Mannschaft von David Moyes werden muss.
„Wir müssen uns an dessen Spielweise orientieren“, erklärt Chickelday. Das bedeutet, gezielt an den Abschlussmöglichkeiten zu arbeiten, die sich Barry in diesem Everton-Team voraussichtlich bieten werden.
„Es geht darum, in diesen Bereichen seines Spiels besser zu werden, damit er bereit ist, wenn er in die entsprechenden Abschlusspositionen kommt. Wir trainieren viel den direkten Abschluss mit nur einem Kontakt innerhalb der Breite des Fünfmeterraums. Jetzt muss er in seinem Spiel einfach mehr Konstanz entwickeln.“
Für Barry geht es in Wirklichkeit nicht darum, welche Chancen er vergibt. Entscheidend ist vielmehr, dass er nicht zulässt, dass ein Fehlversuch seine nächste Möglichkeit beeinflusst. Diese Momente der Niedergeschlagenheit auf dem Platz müssen der Vergangenheit angehören.„Es geht darum, mental stark zu sein“, sagt Chickelday. „Es geht darum, sich neu zu fokussieren. Man muss an sich selbst glauben. Es ist diese Einstellung, die Harry Kane verkörpert. Wenn du eine Chance vergibst, ist sie vorbei. Dann geht es um die nächste. Du kannst an einem Samstag Tore schießen, auch wenn du in den drei vorherigen Spielen nicht getroffen hast.
„Seit ich mit Spielern auf diesem Niveau arbeite, habe ich eines gelernt: Talent verschafft dir den Zugang zur großen Bühne. Selbstvertrauen und die richtige mentale Einstellung sorgen dafür, dass du dich langfristig behauptest und erfolgreich bist. Damit hatte er Schwierigkeiten, und daran musste er arbeiten. Aber er hat sich in dieser Hinsicht weiterentwickelt.“
Auch Barrys Körpersprache steht weiterhin unter genauer Beobachtung. Chickelday ist jedoch überzeugt, dass sie mitunter einen falschen Eindruck vermitteln kann.
„Wenn man seine Torjubel sieht, wirkt er wie ein großer, selbstbewusster Typ. Doch es gab Phasen, in denen sein Selbstvertrauen im Inneren ziemlich angeschlagen war.“
Auch die Statistiken sprechen dafür, dass Barry einen erheblichen Beitrag gegen den Ball leistet. In dieser Premier-League-Saison gehört er sowohl bei den sogenannten Counter-Pressures – also dem unmittelbaren Gegenpressing nach einem Ballverlust – als auch bei der Anzahl seiner Sprints mit hoher Geschwindigkeit beim Anlaufen des Gegners zu den fünf besten Spielern der Liga.
Die Herausforderung besteht nun darin, dieses Niveau dauerhaft zu halten.„Es geht darum, Leistungseinbrüche zu reduzieren und konstanter zu werden. Ich bin überzeugt, dass ihm das gelingen wird. Wenn er das hinbekommt, kann er sich zu einem richtig guten Stürmer in der Premier League entwickeln.“
Für Barry bietet sich jetzt eine große Chance.
Everton verfügt im Angriff über nicht allzu viele Alternativen, bevor sich das Transferfenster im Januar wieder öffnet. Barry hat also die Möglichkeit, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen.
Die Anzeichen sind vielversprechend. Und seit er sich so offen gezeigt hat, stehen auch die Everton-Fans hinter ihm.
„Er war am Boden. Aber er hat sich wieder aufgerappelt.“
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