Schambbediss hat geschrieben: 29.09.2026, 22:46
Mariastein hat geschrieben: 29.09.2026, 21:38
Usswärtsfahrer hat geschrieben: 29.09.2026, 21:32
Ich kann die Aussage nur zum Teil nachvollziehen. Ich seh den Punkt, dass die Lieder manchmal zu wenig spielbezogen daherkommen, das grosse Aber: spielt der tatsächliche Text für die Spieler eine Rolle, wie viele können tatsächlich Schweizerdeutsch. Ich vermisse aber auch das eine andere Lied tbh.
Den anderen Punkt kann ich aus meiner Warte schlecht beurteilen,einerseits ist bei uns auf dem Balkon bei Ecken o.ä. fast immer gut Lautstärke und meist auch sehr spielbezogen. Und andererseits vor allem auswärts gehts auch "inhaltlich" gut zur Sache, alleine schon nur bei den Aufstellungen der Heimteams oder bei Abstössen des gegnerischen Goalies. Auch immer in ordentlich Lautstärke und Mitmachquote. Bei Ecken auch, Sanches letztes Mal in Bern oder Di Giusto in Luzern haben da jedes Mal stark ihre Fett abbekommen. Und das ist eher die Regel als die Ausnahme. Von daher: klar ists anders als vor 20+ Jahren, aber jetzt hier so zu tun, als fahre die Kurve einen Schmusekurs am Matchverlauf vorbei, stimmt mE einfach nicht.
Man merkt, dass du die Kurve vor 20-30 Jahren nicht kennst!
Schaut euch nur mal wieder den Szene Basel 1 DVD an. Das war schon noch wilder, asozialer und krawalliger als heute.
Das ist klar so. Das hat aber auch mit der aktuellen Generation im Allgemeinen zu tun, die gewissermassen durch Social Media diszipliniert wurde. Diese Generation lebt gesünder, achtet stärker darauf, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, und versucht, den Dingen einen tieferen Sinn zu geben. Und ja: Verglichen mit damals ist sie sicher deutlich braver – und wenn man gemein sein will, vielleicht auch langweiliger. Dafür ist sie deutlich besser in der breiten Bevölkerung akzeptiert.
Für die meisten der Kurve vor 20–30 Jahren war „FCB fahren“ dagegen ein aufregendes Abenteuer – weitgehend ohne grosse Polizeibegleitung und ohne Handykameras, die alles dokumentierten. Aus heutiger Sicht muss man allerdings auch sagen: Es war teilweise extrem asozial, und es ging durchaus darum, echte Rebellen zu sein und sich da ohne Konsequenzen auszuleben.
Was damals passiert ist, würde heute wochenlange Zeitungsberichte auslösen. Damals war es teilweise nicht einmal eine Randnotiz wert.
Da war beispielsweise ein plündernder Basler Mob, der ohne Polizeibegleitung durch die Zürcher Bahnhofstrasse zog und sich unter lauten „Shopping, Shopping“-Rufen völlig schamlos in Edelboutiquen bediente. Oder man zündete aus Langeweile in Zürcher Trams Pyros, bis ein Tram ausbrannte.
Nach Meisterschaftsgewinnen gab es übelste Souvenirjagden, bei denen ganze Stadien verwüstet wurden . Unmittelbar danach wurden aus Langeweile ganze Zugabteile demoliert und teilweise versucht, sie abzubrennen (Thun)
Bei Auswärtsfahrten suchte man sich mangels Gegnern teilweise einfach neue Gegner. Ausländische Banden etwa in Luzern oder Schaffhausen, Linksextreme – inklusive Schlachten rund um die Reithalle bzw Sturm der Reithalle in Bern oder Schlachten mit besetzten Häuser in Zürich –, Raver beim Streetparade-Spiel oder halt die Polizei in Zürich, deren Posten nahe dem Hauptbahnhof mit Pyros angegriffen wurde.
Und dann gab es die Auswärtsfahrten lange vor den Extrazügen, als man noch mit Cars unterwegs war. Irgendwann war niemand mehr bereit, solche Cars zur Verfügung zu stellen, weil die Zwischenfälle einfach zu gravierend waren. Dazu gehörten über das Mikrofon verbreitete Aufforderungen, Raststätten zu plündern – etwa La Gruyère –, die komplette Zerstörungswut gegenüber dem Inventar der Busse und Aufforderungen an die Busfahrer, sie „bitte, bitte in den Tod zu fahren“.
Und solches Zeug passierte einfach jedes Wochenende. Die ganz normalen Schlägereien mit gegnerischen Fans sind da noch gar nicht eingerechnet. Ebenso wenig die regelmässigen Pyros, die aufs Spielfeld flogen – etwa in Luzern – oder die gezielt in gegnerische Blöcke geschossenen Stylos, beispielsweise in Lugano, Mailand oder Turin.
In der Zeit der Regelzüge (vor Aufkommen der Extrazüge), flogen an jeder Haltestelle x Bierflaschen auf die wartenden Passagiere, ganz Kreative haben in Kondome uriniert nur um an Haltestellen Wasserbomben zu haben. Jede Frau die einigermassen aussah wurde als Nymphomanin besungen (eine kleine Nymphomanin…) oder man man wollte direkt von ihr den rektalen Verkehr (wir wollen den Analverkehr)
Auch bei den Fangesängen war die Hemmschwelle eine andere. St. Galler waren pauschal „inzuchtgeschädigt“ („Eure Eltern sind Geschwister“), Zürcher pauschal Junkies („Platzspitz-Kanacken“), und jeder gegnerische Spieler war mindestens ein Arschloch, wenn nicht gleich ein Hurensohn. „World Trade Center“ war ein Partylied, und von Luzern wollte man eine spezielle U-Bahn bauen.
Wenn man das alles mit dem heutigen Kurve vergleicht, muss man deshalb schon sagen: Die Kurve von damals war in vielerlei Hinsicht eine völlig andere Welt. Sie war wilder, unkontrollierter und deutlich konfrontativer – aber eben auch deutlich weniger gesellschaftlich akzeptiert. Vieles davon würde heute schlicht nicht mehr funktionieren, weil jede Aktion sofort gefilmt, geteilt und öffentlich diskutiert würde.