Ein paar Gedanken zur Trainerfrage und weshalb ich bei Letsch immer wieder hängen bleibe
Ich habe mir in den letzten Tagen etwas ausführlicher Gedanken gemacht, welches Trainerprofil für diesen FCB eigentlich Sinn ergeben würde. Nicht nur hinsichtlich des Namens oder der bisherigen Stationen, sondern vor allem bezüglich Spielidee, Shaqiris Rolle, bestehendem Staff und der Frage, wie viel man nach dem Lichtsteiner-Aus überhaupt wieder verändern sollte.
Je länger ich mir die verschiedenen Aspekte anschaue, desto interessanter finde ich persönlich Thomas Letsch. Nicht zwingend als spektakulärsten Namen, sondern weil sein Profil meines Erachtens erstaunlich gut zu mehreren unserer aktuellen Baustellen passen könnte.
1. Grundidee: Shaqiri nicht ins System pressen, sondern das System passend bauen
Für mich sollte die erfolgreiche Saison 2024/25 unter Celestini weiterhin eine wichtige Referenz sein.
Shaqiri war damals am stärksten, wenn er zentral hinter dem Stürmer viele Freiheiten hatte und hinter ihm zwei Mittelfeldspieler für Struktur und Absicherung sorgten. Ein 4-2-3-1 war deshalb nicht einfach eine Formation auf dem Papier, sondern schuf genau jene Räume, in denen Shaqiri den grössten Einfluss entwickeln konnte.
Mit dem heutigen Kader (und der Verletztensituation) würde ich ungefähr so aufstellen:
- - - - - - - - - - Salvi (Omlin) - - - - - - - - - -
Tsunemoto - - - Daniliuc - - - Victory - - - Michelin
- - - - - Metinho - - - - Omeragic (Harder) - - - - -
Olaigbe - - - - - - Shaqiri - - - - - - Otele (Sow)
- - - - - - - - - - - - Celar - - - - - - - - - - - -
Mit Ball kann daraus problemlos ein 3-2-4-1 werden, gegen den Ball eher ein 4-4-1-1.
Entscheidend wäre für mich: Shaqiri nicht dazu zwingen, mit 34 Jahren permanent dieselben defensiven Meter wie ein junger Flügelspieler zu machen. Seine defensive Aufgabe muss klar definiert sein, aber seine Energie sollte in erster Linie für jene Aktionen erhalten bleiben, mit denen er Spiele entscheidet.
2. Und genau deshalb finde ich Letsch interessant
Letsch wird gerne auf „Red-Bull-Fussball“ reduziert. Das greift meines Erachtens zu kurz.
Ja, seine Mannschaften sollen aktiv verteidigen, früh Druck erzeugen, nach Ballverlust sofort reagieren und nach Ballgewinn möglichst vertikal spielen. Gleichzeitig hat er aber mehrfach gezeigt, dass für ihn nicht eine bestimmte Formation entscheidend ist, sondern die Prinzipien dahinter.
Er hat mit Dreierkette, 4-3-3, 4-2-3-1 und 4-4-2 gearbeitet. Er selbst betont, dass die Grundordnung nicht das Entscheidende sei.
Sein Fussball ist grundsätzlich aktiv und intensiv, aber nicht zwingend schematisch. Die Mannschaft soll im Ballbesitz verbunden bleiben, nach Ballverlust schnell Zugriff herstellen und nach Ballgewinn nicht um des Ballbesitzes willen quer spielen, sondern möglichst zielgerichtet Räume nach vorne nutzen.
Interessant finde ich dabei eine ältere Aussage von ihm aus seiner Zeit bei Austria Wien. Dort erklärte Letsch sinngemäss, dass man aus einem Spieler mit anderen Qualitäten keine „Pressingmaschine“ machen könne und dass es falsch wäre, einem vorhandenen Kader einfach ein System überzustülpen. Seine Ideen müsse man mit dem vorhandenen Spielermaterial zusammenbringen.
Genau das finde ich bei unserem Kader ziemlich wichtig.
Ich hätte wenig Interesse an einem Trainer, der kommt und unabhängig vom vorhandenen Personal sein bevorzugtes System durchdrücken will.
3. Umgang mit kreativen Führungsspielern
Auch hier finde ich Letschs Vergangenheit interessanter, als man zuerst meinen könnte.
Bei Vitesse hatte er mit Oussama Tannane und Riechedly Bazoer zwei aussergewöhnliche und nicht immer ganz einfach in ein starres System einzuordnende Individualisten. Beide erhielten Rollen, welche ihre besonderen Qualitäten hervorhoben, statt sie taktisch möglichst stark zu normieren.
Gerade Tannane ist für mich im Hinblick auf Shaqiri interessant. Natürlich reden wir nicht über dieselbe Qualität oder dieselbe Karriere. Vom Rollenprofil her gibt es aber Parallelen: kreativer Linksfüsser, starke Standards, Risiko im letzten Drittel und ein Spieler, dem man gewisse Freiheiten zugestehen muss, wenn man seine entscheidenden Qualitäten voll nutzen will.
Letsch hat bei Tannane ausdrücklich akzeptiert, dass dessen Individualität auch Dinge mit sich bringt, die bei einem gewöhnlichen Systemspieler vielleicht weniger erwünscht wären. Sinngemäss war seine Haltung: Wenn man aus einem solchen Spieler einen „normalen“ Spieler machen will, nimmt man ihm unter Umständen gerade jene Waffen, die ihn besonders machen.
Auch Bazoer erhielt bei ihm eine aussergewöhnliche Rolle. Letsch setzte den eigentlichen Mittelfeldspieler als zentralen Mann einer Dreierkette ein, von wo aus dieser das Spiel eröffnen, andribbeln und seine progressiven Pässe einsetzen konnte. Das System wurde also zumindest teilweise den besonderen Fähigkeiten des Spielers angepasst.
In Bochum entwickelte sich wiederum Kevin Stöger unter Letsch zum kreativen Kopf und Taktgeber. Letsch lobte bei ihm gerade, dass er auch nach Fehlern weiterhin den Ball verlangt, Risiken eingeht und Verantwortung übernimmt. Er gab ihm schliesslich sogar eine klare Stammplatzgarantie.
Das ist natürlich alles nicht eins zu eins Shaqiri.
Aber es zeigt für mich schon: Letsch scheint kein Trainer zu sein, der Individualität grundsätzlich abschleifen möchte, damit jeder Spieler exakt gleich funktioniert. Er wirkt eher wie jemand, der versucht, eine Mannschaftsstruktur zu schaffen, innerhalb derer besondere Spieler ihre Stärken ausspielen können, ohne dass das Kollektiv auseinanderfällt.
Bei Shaqiri wäre genau das entscheidend.
4. Persönlichkeit, Kommunikation und Werdegang
Auch menschlich finde ich das Profil interessant.
Letsch kommt nicht aus der klassischen Laufbahn eines ehemaligen grossen Profispielers. Er spielte selbst nur im Amateurbereich, arbeitete früh als Spielertrainer und war danach unter anderem bei den Stuttgarter Kickers und Ulm tätig.
Dann nahm seine Laufbahn einen für einen heutigen Profitrainer ziemlich ungewöhnlichen Weg.
Letsch hatte Mathematik und Sport auf Lehramt studiert. 2009 entschied er sich vorübergehend sogar gegen den weiteren Aufstieg im Trainerberuf und ging mit seiner Familie nach Portugal. Während rund drei Jahren arbeitete er als Mathematik- und Sportlehrer an der Deutschen Schule in Lissabon.
2012 wechselte er wieder vollständig in den Fussball. Ralf Rangnick holte ihn nach Salzburg. Dort arbeitete Letsch in verschiedenen Funktionen im Nachwuchs, war unter anderem Co-Trainer der ersten Mannschaft unter Roger Schmidt, trainierte die U18 und später den FC Liefering und übernahm Salzburg zwischenzeitlich auch interimistisch.
Es folgten Stationen bei Erzgebirge Aue und Austria Wien. Besonders erfolgreich und prägend war danach Vitesse in den Niederlanden. 2022 wechselte er in die Bundesliga zum VfL Bochum, später kehrte er als Cheftrainer nach Salzburg zurück und im Juli dieses Jahres übernahm er Al-Shabab in Saudi-Arabien.
Dieser Weg gefällt mir insofern, als Letsch seine Autorität nicht aus einer grossen Spielerkarriere beziehen kann. Er musste sie sich als Trainer über Fachlichkeit, Kommunikation und Führung erarbeiten.
Und genau bei dieser Führung finde ich ihn interessant.
Er wirkt auf mich nicht wie ein klassischer Top-down-Trainer, der Entscheidungen primär über Hierarchie und Autorität durchsetzt. Gleichzeitig ist er aber auch nicht basisdemokratisch.
Aus seiner Zeit in den Niederlanden gibt es dazu eine ziemlich passende Beschreibung. Letsch stellte fest, dass niederländische Spieler und Mitarbeiter deutlich mehr diskutieren und ihre Meinung äussern, als er es aus Deutschland gewohnt war. Er liess solche Diskussionen ausdrücklich zu. Irgendwann komme aber der Punkt, an dem man sinngemäss sage: Wir haben darüber gesprochen - jetzt entscheiden wir.
Das trifft seinen Führungsstil meines Erachtens ziemlich gut:
zuhören - erklären - diskutieren - entscheiden - Umsetzung verlangen.
Ehemalige Spieler beschrieben ihn entsprechend als klaren Chef, der nicht schreien müsse, um als Chef wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig gilt er als direkt, offen und relativ leicht ansprechbar.
Auch seine eigenen Aussagen passen dazu. Letsch betont Ehrlichkeit, will keine falschen Versprechungen machen und sagt, dass man einen Spieler nicht nur als Fussballer, sondern auch als Menschen verstehen müsse. Er hat einmal erklärt, dass ein falsches Wort zum falschen Zeitpunkt eine Vertrauensbeziehung beschädigen könne und dass er ausserhalb eines Spiels möglichst keine Entscheidungen aus einer unmittelbaren Emotion heraus treffen wolle.
Das ist für mich etwas anderes als ein „Kuschelkurs“. Er formuliert klare Anforderungen und seine Mannschaften sollen intensiv arbeiten. Aber die Kommunikation scheint eher über Überzeugung und Klarheit als über demonstrative Autorität zu funktionieren.
Für einen erfahrenen Spieler wie Shaqiri könnte genau diese Form der Kommunikation interessant sein: nicht demonstrativ Hierarchie herstellen, sondern Rolle, Freiheiten und Gegenleistung klar miteinander besprechen.
Auch sein mathematischer Hintergrund passt zumindest zu diesem analytischen Profil. Letsch selbst relativiert zwar, wie stark ihm das Lehramtsstudium heute konkret hilft. Aber Mathematik bedeutet nun einmal strukturiertes Problemlösen - und genau so spricht er häufig auch über Fussball: Der Gegner stellt ein Problem, die Mannschaft muss gemeinsam Lösungen dafür entwickeln.
Dazu kommt eine inzwischen ziemlich internationale Laufbahn: Deutschland, Portugal, Österreich und die Niederlande (Saudi-Arabien zähle ich mal nicht dazu).
Sprachlich ist er ebenfalls interessant. Deutsch ist seine Muttersprache, Englisch kann er professionell einsetzen. Daneben wurden Kenntnisse in Portugiesisch, Spanisch und Französisch beschrieben; aus seiner Zeit bei Vitesse verfügt er zudem über ein gutes passives Verständnis des Niederländischen.
Für einen internationalen FCB-Kader ist diese Kombination aus Sprachkompetenz, Auslandserfahrung, analytischem Denken und eher dialogorientierter, aber letztlich klarer Führung für mich durchaus interessant.
5. Für mich besonders wichtig: den bestehenden Staff nicht wieder komplett auseinanderreissen
Genau hier wäre für mich eine Kombination interessant:
- Thomas Letsch: Cheftrainer, Spielmodell, Matchplan, Führung und Gesamtverantwortung
- Luigi Nocentini: erster Assistent mit grossem Verantwortungsbereich auf dem Trainingsplatz, Technik, taktische Detailarbeit und offensive Abläufe
- Simone Grippo: weitere Assistenz, Individualentwicklung, defensive Detailarbeit und Verbindung zu den Spielern bzw. zum FCB-Unterbau
Gerade Nocentini würde ich unbedingt behalten.
Nicht aus Sentimentalität wegen eines oder zweier guter Spiele, sondern weil er den Kader kennt, Shaqiri kennt (Shaqiri und die restlichen Spieler scheinen ihn auch zu schätzen) und inzwischen unter mehreren Cheftrainern im Klub gearbeitet hat.
Er bringt zudem einen ziemlich interessanten fachlichen Hintergrund mit. Nocentini arbeitete bei Napoli unter Maurizio Sarri als Techniktrainer, später unter anderem bei Dnipro, für die ukrainische Nationalmannschaft unter Schewtschenko, bei Genoa und als Spielanalyst bei Empoli.
Gerade die Sarri-Zeit finde ich für eine mögliche Zusammenarbeit mit Letsch spannend.
Sarris Napoli stand für stark ausgearbeitete Positionsstrukturen, kurze und schnelle Kombinationen, Dreiecke, klare Passwege und wiederkehrende offensive Abläufe. Nocentini hat mehrere Jahre in genau diesem Trainingsumfeld gearbeitet.
Letsch kommt dagegen stärker über die übergeordneten Spielprinzipien: Aktivität, Kompaktheit, Pressing, Gegenpressing, vertikales Spiel und schnelles Nutzen von Räumen.
Das muss sich überhaupt nicht widersprechen.
Im Gegenteil könnte die Aufteilung ziemlich logisch sein:
Letsch definiert das Makro - wie die Mannschaft als Ganzes auftreten, pressen, umschalten und Räume besetzen soll.
Nocentini arbeitet stärker am Mikro - konkrete Passwege, technische Umsetzung, Positionsdetails und offensive Automatismen.
Das könnte gerade für Shaqiri interessant sein. Denn um ihm Freiheiten geben zu können, müssen die Bewegungen der Spieler um ihn herum umso klarer sein. Wenn Olaigbe, Celar, Otele und die beiden Sechser wissen, welche Räume sie bei Shaqiris Bewegungen besetzen müssen, wird aus seiner Freiheit keine Unordnung.
Damit könnten sich in gewisser Weise sogar zwei unterschiedliche Trainerprägungen ergänzen: die detaillierte Positions- und Kombinationsarbeit aus Nocentinis Sarri-Erfahrung und die intensiveren Pressing- und Umschaltprinzipien von Letsch.
Grippo hätte daneben wiederum ein anderes Profil: ehemaliger Innenverteidiger, FCB-Bezug, Erfahrung im Nachwuchs- und Talentbereich und inzwischen direkte Arbeit mit der ersten Mannschaft.
Wenn ein neuer Cheftrainer kommt, muss meines Erachtens nicht zwingend wieder das gesamte Innenleben der Mannschaft ersetzt werden.
6. Nocentini gleichzeitig weiterentwickeln
Für mich wäre eine solche Konstellation sogar langfristig interessant.
Nocentini besitzt aktuell die UEFA-A-Lizenz. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, würde ich ihn als FC Basel parallel gezielt auf den Weg zur UEFA-Pro-Lizenz schicken.
Dann hätte man nicht einfach „Letsch plus bisherigen Assistenten“, sondern könnte bewusst ein Trainerteam entwickeln.
Letsch bringt Erfahrung als Cheftrainer auf verschiedenen internationalen Stufen mit.
Nocentini erhält als erster Assistent mehr Verantwortung und entwickelt sich fachlich und lizenzseitig weiter.
Grippo wächst ebenfalls weiter in den Profibereich hinein.
Das wäre für mich wesentlich nachhaltiger, als beim nächsten Trainerwechsel wieder drei oder vier neue Leute einzufliegen und zwei Jahre später von vorne anzufangen.
Und man hätte gleichzeitig eine gewisse Kontinuität: Sollte Nocentini seinen Weg entsprechend weitergehen und später die UEFA-Pro-Lizenz besitzen, hätte man intern einen Trainer aufgebaut, der den Klub, das Umfeld und die Mannschaft bereits sehr gut kennt.
7. Vertragssituation Letsch und eine zumindest interessante Timeline
Seine derzeitige Situation bei Al-Shabab ist natürlich speziell.
Al-Shabab verpflichtete Letsch erst Mitte Juli für die neue Saison. Verschiedene Medien berichten von einem Vertrag bis 2027.
Sportlich verlief der Einstieg allerdings ausgesprochen schlecht. Nach den ersten sieben Ligaspielen hatte Al-Shabab noch keinen Sieg erreicht; hinzu kam das frühe Ausscheiden aus dem Cup. Insgesamt standen damit acht Pflichtspiele ohne Sieg.
Dann wird die zeitliche Abfolge zumindest interessant:
- 9. September: Der FCB trennt sich von Stephan Lichtsteiner. Nocentini übernimmt interimistisch.
- 11./12. September: Blick berichtet, dass die Basler Trainersuche bereits seit Wochen läuft. Klubintern habe man sich auf ein Profil geeinigt: Der neue Trainer soll aus dem Ausland kommen, Erfahrung auf höchstem Niveau besitzen und bei der Wunschlösung hapere es noch an der Einigung beziehungsweise an den Ablösemodalitäten mit dem bisherigen Klub.
- Anfang der Woche ab 14. September: Al-Shabab reicht gemäss Asharq Al-Awsat bei der Saudi Pro League den Antrag ein, Letsch zu entlassen.
- 16. September: Andreas Herrmann erklärt im FCB-Podcast, man suche bewusst einen Trainer mit Erfahrung sowie einer gewissen Autorität und Seniorität.
- 16./17. September: Blick berichtet zusätzlich, Herrmann sei zuletzt für Verhandlungen im Ausland gewesen. Wo genau diese Verhandlungen stattfanden, wurde nicht genannt.
- Herrmann zur Trainersuche: „Wir sind relativ weit“, gleichzeitig gebe es noch nichts final zu vermelden.
- 17. September: In Saudi-Arabien wird bekannt, dass die Liga den Antrag von Al-Shabab auf eine Entlassung Letschs vorerst abgelehnt hat. Grund ist gemäss Asharq Al-Awsat die fehlende finanzielle Solvenz für die Vertragsauflösung.
Das bedeutet offenbar nicht, dass Letsch Saudi-Arabien grundsätzlich nicht verlassen könnte.
Das Problem scheint vielmehr darin zu liegen, dass Al-Shabab eine normale Entlassung inklusive der daraus entstehenden finanziellen Verpflichtungen und der Kosten eines Nachfolgers innerhalb der geltenden finanziellen Vorgaben derzeit nicht ohne Weiteres umsetzen kann.
Sollte ein anderer Klub Letsch übernehmen wollen, könnte deshalb eine andere Konstruktion nötig sein: einvernehmliche Vertragsauflösung, Verzicht beziehungsweise Reduktion von Ansprüchen oder eine Vereinbarung zwischen den beteiligten Parteien.
Genau deshalb finde ich die zeitliche Abfolge zumindest bemerkenswert.
Der FCB sucht nach eigener Aussage Erfahrung, Autorität und Seniorität. Die Wunschlösung steht laut Medien bei einem ausländischen Klub unter Vertrag. Herrmann war für Verhandlungen im Ausland. Gleichzeitig versucht Al-Shabab genau in diesen Tagen, Letschs Vertrag aufzulösen, scheitert vorerst aber an den finanziellen Voraussetzungen.
Das ist für mich kein Beweis für irgendetwas. Aber als Arbeitshypothese würde es ziemlich schlüssig erklären, weshalb ein möglicher Vollzug länger dauern könnte als bei einem vereinslosen Trainer.
Hinzu kommt der Zeitpunkt: Nach dem St.-Gallen-Spiel beginnt die lange Nationalmannschaftspause. Für einen neuen Trainer wäre das eigentlich der ideale Moment, um erstmals mehrere Wochen am Stück mit der Mannschaft zu arbeiten.
Mein Fazit
Ich würde Nocentinis aktuelle Arbeit nicht kleinreden. Im Gegenteil: Gerade wenn sich Mannschaft und Staff nach dem Lichtsteiner-Aus wieder gefunden haben, sollte man versuchen, diese Energie zu erhalten.
Gleichzeitig sehe ich langfristig durchaus Gründe für einen erfahrenen Cheftrainer.
Und wenn ich mir anschaue, welche Art Trainer zu diesem Kader passen könnte, lande ich persönlich immer wieder bei Letsch.
Nicht, weil bei ihm alles perfekt wäre. Seine intensive Spielweise birgt Risiken und insbesondere die defensive Belastung Shaqiris müsste intelligent gesteuert werden.
Aber gerade seine Vergangenheit zeigt für mich, dass hohe Intensität und individuelle Freiheiten kein zwingender Widerspruch sein müssen. Er hat bereits mit kreativen Spielern gearbeitet, denen er bewusst besondere Rollen und Freiheiten zugestand, solange die Mannschaft um sie herum entsprechend organisiert war.
Dazu käme eine Trainerkonstellation, die ich grundsätzlich reizvoll fände: Letsch bringt die Erfahrung als internationaler Cheftrainer und seine klaren Spielprinzipien ein; Nocentini bleibt als erster Assistent erhalten, bringt seine technische und taktische Detailarbeit ein und entwickelt sich parallel Richtung UEFA-Pro-Lizenz weiter; Grippo bleibt als weiterer Bestandteil eines Staffs, der den Klub bereits kennt.
Die Kombination könnte deshalb interessant sein:
Shaqiris Freiheiten aus der erfolgreichen Celestini-Zeit erhalten, gleichzeitig mehr Struktur, Gegenpressing und Vertikalität hineinbringen und Nocentini sowie Grippo als Teil der Entwicklung behalten.
Für mich wäre deshalb eine Lösung „Letsch - Nocentini - Grippo“ deutlich interessanter als ein kompletter Neustart mit einem neuen Trainer und einem vollständig neuen Staff.